Unsinn en vogue

Weltverschwörung 9/11, Mondlandung, Weltfinanztum, der Untergang der Titanic, die Wahl Donald Trumps zum mächtigsten Mann der Welt, Chemtrails, Ufos und Reichsbürger auf der Rückseite des Mondes: Warum sind Verschwörungstheorien, sprich die Verbreitung von Unsinn, immer wieder populär? 


Die Verbreitung von Verschwörungstheorien ist nach Ansicht zweier Experten vor allem auf wachsende Verunsicherung zurückzuführen. "Verunsicherung erzeugt Mustersuche", sagte der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen beim jüngsten Philosophiefestival Phil.Cologne in Köln. Der Mensch habe immer das Bedürfnis, Muster erkennen zu wollen. Der Amerikanist Michael Butter, Autor eines Buches über Verschwörungstheorien, bestätigte: "Vor allem Leute, die sich bedroht fühlen, sind empfänglich für Verschwörungstheorien." Ebenso wie Populisten versuchten auch Verschwörungstheoretiker, die Komplexität der globalisierten Welt zu reduzieren. "Eine Verschwörungstheorie ist eine Art Weltformel des Übels", sagte Pörksen. "Man wird zum Regisseur der eigenen Welterfahrung." Butter vertrat die These, dass es lange Zeit völlig normal gewesen sei, Verschwörungstheorien anzuhängen.

"Verschwörungstheorien waren früher viel populärer", sagte er. Aufgekommen seien sie zur Zeit der Aufklärung im 18. Jahrhundert, als der Glaube an einen göttlichen Schöpfungsplan erstmals erschüttert worden sei. In dieser Hinsicht seien Verschwörungstheorien Religionsersatz.

Erst nach dem Zweiten Weltkrieg habe unter dem Einfluss der Sozialwissenschaften eine Delegitimierung der Verschwörungstheorien eingesetzt, dies allerdings nur im Westen. In der arabischen Welt oder in Osteuropa seien Verschwörungstheorien dagegen weiter sehr verbreitet geblieben. Auch im Westen seien sie nie verschwunden, nur bis zum Aufkommen des Internets kaum sichtbar gewesen.

Wer zum Beispiel davon überzeugt gewesen sei, dass die Mondlandung nie stattgefunden habe, hat diese Idee früher höchstens in selbst herausgegeben Büchern verbreiten können.

Ein wesentliches Kennzeichen von Verschwörungstheorien ist nach Einschätzung der Wissenschaftler die Vorstellung, dass Geschichte planbar ist. Wer zum Beispiel daran glaubt,  die Terroranschläge vom 11. September seien in Wahrheit von der US-Regierung in Auftrag gegeben worden, der muss auch davon ausgehen, dass potentielle Mitwisser über viele Jahre hinweg zu absolutem Stillschweigen verpflichtet werden können. Wie authentisch das ist, sei dahingestellt.

 


Die Auspicien, der Kult der Vogelschau im alten Rom, suchte im Vogelflug am die Vorzeichen von drohendem Unglück. Wie die Priester der alten Religionen deuten die Theoretiker von Weltverschwörungen die Zeichen am Himmel auf ihre Weise. Verschwörungstheoretiker  sehen in Kondensstreifen von Flugzeugen einen Masterplan der "New World Order", wahlweise zur Vergiftung oder zur Verdummung der Menschheit. Letzteres erscheint als Self-Fullfilling-Prophecy: Vernunftgründe  gelten diesen Denkern gar nichts.