"Mit dem Papst tauschen? Niemals!"

Die Redaktion traf sich mit Pater Stefan Geiger von der Abtei der Benediktiner Schäftlarn zum Stöhrenfried-Gespräch in der Caféteria des GSG. Der 33-jährige Mönch über Himmel und Hölle, wahre Liebe, das I-Phone, Wiesn-Besuche und das Mönchtum der Zukunft.


STÖHRENFRIED: Pater Stefan, verzeihen Sie die ungewöhnliche Frage, aber kennen Sie das neue I-Phone?PATER STEFAN: Das kenne ich. Mein Chef kennt das auch. Mein Professor möchte sich das beschaffen. Es ist teuer, oder?

 

STÖHRENFRIED: Ja, es gibt günstigere Smartphones. Sie erwähnten eben Ihren Professor. Studieren Sie noch?PATER STEFAN: Eine meiner Arbeiten ist an der Uni Augsburg.

 

STÖHRENFRIED: Geben Sie uns doch noch einmal einen Einblick in Ihren Medienkonsum!

PATER STEFAN: Ich bin derzeit in einem Weiterstudium und arbeite an meiner Doktorarbeit. Hauptarbeitsmittel sind der Computer und das Internet. Ja, ich bin mit den Möglichkeiten vertraut. Ich schreibe auch Nachrichten. Und: Ich habe eine praktische Whats-App-Gruppe.

 

STÖHRENFRIED: Wirklich? Wozu?

PATER STEFAN: Meine Schüler im Kloster mögen das und ich kann dadurch auch Infos teilen und mit den Schülern schreiben, sie zum Beispiel an etwas erinnern. Oder nachfragen, warum ein Schüler fehlt. Man muss die technischen Möglichkeiten nutzen. Warum nicht?

 

STÖHRENFRIED: Zurück zu Ihrer Doktor-Arbeit. Erzählen Sie uns mehr davon!

PATER STEFAN: Sie ist im Fach Theologie, näherhin Liturgiewissenschaft, in dem es um den Gottesdienst geht. Ich beschäftige mich mit der Frage, warum der Mensch Gott loben muss und in den Gottesdienst gehen soll, warum also der Glaube nicht nur innerlich, sondern auch nach außen sichtbar werden muss.

 

STÖHRENFRIED: Gehen Sie, wenn Sie zum Beispiel nicht an Ihrer Doktorarbeit schreiben, in Ihrer Freizeit auch mal ins Kino?

PATER STEFAN: Nein. Das ist eher unüblich für uns im Kloster. Unüblich aber nicht unmöglich. „X-Men“ ist zum Beispiel nicht gerade mein Ding. Ich spreche hier für mich. Aber wenn einer den Drang verspüren sollte, den „Herrn der Ringe“ im Kino sehen zu wollen, ist das selbstverständlich möglich.

 

STÖHRENFRIED: Aber wie gestalten Sie dann Ihre Freizeit?

PATER STEFAN: Man hat kaum Freizeit. Wir haben einen sehr strukturierten Tagesablauf. Neulich habe ich aber eine Bergtour mit einem Bekannten gemacht.

 

STÖHRENFRIED: Keine Lust auf die Wiesn?

 PATER STEFAN: Das letzte Mal war ich da vor zehn Jahren. Ich war insgesamt zweimal da. Das reicht.

 

STÖHRENFRIED: Wie mobil sind Sie?

PATER STEFAN: Wir im Kloster haben keinen eigenen Besitz. Wir haben ein Gelübde abgelegt. Prinzipiell gehört mir natürlich nichts. Das Kloster hat aber verschiedene Autos, die man nach Bedarf zur Verfügung bekommt. Zum Beispiel Leibkleidung, Strümpfe und Unterwäsche machen nicht die Runde.

 

STÖHRENFRIED: Kommen wir zum Theologischen. Pater Stefan, was ist für Sie Gott?

PATER STEFAN: Einerseits steht Gott über allem. Die ganze Welt ist voll von Gott. Gott ist keine Person mit Bart. Aber: Gott ist auch keine Macht im klassischen Sinne. Er ist vielmehr konkret durch unsere Mitmenschen sichtbar, erfahrbar. Beispiel: Wenn jemand eine Geliebte hat, schenkt man der eventuell eine Rose als Zeichen der Liebe. Dann ist Gott das Zeichen. Aber die Natur ist nicht Gott, sie ist sein Geschöpf und kann mich zu Gott hinführen. So wie die Rose nur Zeichen der Liebe ist, aber nicht die Liebe selbst. Wir Menschen brauchen halt etwas konkretes, um Liebe auszudrücken. So ist es mit Gott: er steht über unseren Vorstellungen, aber wir haben die Mitmenschen und die Schöpfung, die uns auf ihn hinweisen.

 

STÖHRENFRIED: War der Eintritt ins Kloster nicht auch eine Entscheidung gegen die Liebe?

PATER STEFAN: Nein, es war keine Entscheidung gegen die Liebe. Denn es war eine Entscheidung für Gott und Gott ist die Liebe. Somit ist es eine Entscheidung eigentlich für die Liebe. Liebe hat ja immer mit dem anderen zu tun, man muss sich selbst zurückstellen. Das ist in einer Beziehung auch so. Und im Kloster geht es eben gerade darum: ganz offen zu sein für Gott und die Mitmenschen, man lebt ja in Gemeinschaft. Man verzichtet auf einzelne Aspekte der Liebe, auf eine konkrete Beziehung. Aber man verzichtet nicht auf Beziehungen, im Gegenteil, man soll immer mehr in die vollkommene Liebe Gottes hineinwachsen und dies auch zu seinen Mitmenschen leben.

STÖHRENFRIED: Was hat Sie dazu bewegt, ins Kloster einzutreten?

PATER STEFAN: Das hat sich schon während der katholischen Kinder- und Jugendarbeit entwickelt. Da war ich sehr aktiv. Meine Familie war auch schon immer religiös. Aber es ging natürlich nicht immer ums Religiöse. Ich habe an attraktiven Freizeiten der Ministranten teilgenommen. Der Dienst an Gott hat mir schon immer gefallen. Alles andere war die Folge davon. Das Leben im Kloster ist mein Raum, mein Platz.

 

STÖHRENFRIED: Leuten im Kloster sagt man nach, sie dächten oft über den Sinn des Lebens nach. Stimmt das?

PATER STEFAN: Als Mönch ist das ziemlich einfach. Gott zu suchen und auch auf Gott hin zu leben, ist der Sinn des Lebens.

 

STÖHRENFRIED: Denken Sie als Mönch über den Tod anders?

PATER STEFAN: Das Jenseits stelle ich mir so vor: Absolute Liebe, absolute Beziehung. Alles wird seine Erfüllung finden.

 

STÖHRENFRIED: Absolute Liebe gibt es doch sicher nur im Himmel? Wie sieht’s mit der Hölle aus? Glauben Sie auch daran?

PATER STEFAN: Ich glaube daran, dass der Mensch nein sagen können muss. Das muss möglich sein. Ob das dann an einem Ort mit Flammen ist? (blickt nachdenklich)

 

STÖHRENFRIED: Stellen Sie sich vor, Sie hätten die Möglichkeit, mit einer Ihnen bekannten, prominenten Persönlichkeit einen Tag zu tauschen. Wer käme da für Sie in Frage?

PATER STEFAN: Das hängt immer daran, ob der andere auch tauschen wollen würde. Ich bin zurzeit sehr zufrieden mit meinem Leben.

 

STÖHRENFRIED: Ach kommen Sie! Jeder möchte doch einmal tauschen – und wenn es nur für einen Tag ist. Das könnte spannend sein.

PATER STEFAN: Also gut. (überlegt) Mit meinen Schülern im Kloster würde ich gern tauschen, um auch einmal die andere Seite kennen zu lernen. Aber falls Eure Frage darauf abgezielt hat: Mit dem Papst möchte ich nicht tauschen. (lacht) Ansonsten fällt mir keiner ein.

 

STÖHRENFRIED: Welche drei guten Wünsche geben Sie jungen Menschen, wie zum Beispiel Ihren Schülern, mit auf ihren Lebensweg?

PATER STEFAN: Man soll sein, wie man ist. Man soll offen sein für das, was auf einen zukommt – und zwar das ganze Leben lang. Man soll sich immer wieder entscheiden. Entscheidungen zu treffen, ist wichtig im Leben.

 

STÖHRENFRIED: Kommen wir am Ende noch zu Ihrer Zukunft. Wie stellen Sie sich das Leben als Mönch in 30, 40, 50 Jahren vor?

PATER STEFAN: An der Benedikt-Regel wird sich nichts ändern. Alles andere baut sich dann drum herum. Insofern ist das Leben als Mönch eine Art Konstante.

 

STÖHRENFRIED: Okay, fragen wir direkt. Hat das Mönchtum Zukunft?

PATER STEFAN: Ja.

 

STÖHRENFRIED: Pater Stefan, wir danken Ihnen für das Gespräch.

PATER STEFAN: Ich danke Euch.

Pater Stefan Geiger von der Abtei der Benediktiner Schäftlarn