Wir schauen dankbar auf das Leben von Maria Schlegel


Am Grab ein Kranz von Schülern mit weißer Schleife, darauf goldenen Lettern: "In tiefer Trauer - Theater GSG"



Alle Bilder auf dieser Seite sind von der Studienreise nach Israel in den Herbstferien 2016 



Als Frau Schlegel krank wurde, schrieb sie in einem Brief an ihre Kollegin Birgit Jaklitsch: "Schule ist einfach witzig, lebendig, abwechslungsreich, voller unlogischer und unvorhergesehener Dinge, Konstellationen, Ereignisse, mal ganz abgesehen von einer leichten Tendenz zum Chaotischen – so ist es jedenfalls aus meiner Perspektive am Gymnasium – eine leichte Tendenz zum Chaotischen, die einem im Berufsalltag so manchen hoffnungslosen Seufzer kostet und die man, wenn man sie nicht hat, zum Beispiel wenn man krank zu Hause ist, vermisst."


Gedanken zum Tod von Frau Maria Schlegel in der Versammlung der Schüler am Montag vor ihrer Beerdigung  - von Bernhard Koch: 
"Frau Schlegel war in unserer Schule, Sie haben es alle gemerkt, so etwas wie ein unersetzliches Markenzeichen. Sie fehlt uns, nicht zuletzt ihre Art zu lachen. Besonders kennen es die Lehrer und Mitarbeiter, auch die Schüler, vor allem die der 9a und der Q12, wohl auch manche Eltern. Damit meine ich nicht zuerst ihr beträchtliches Arbeitspensum, sondern ihre Lebensfreude, ihre Heiterkeit, ihr freundliches Wesen, ihren Witz, ihr Interesse für jede Person und ihr offenes Ohr für jedes Anliegen, sei es das eines Schülers oder Kollegen. Vermutlich wissen gar nicht alle, dass sie bereits seit Ende 2013 gegen ihre Krankheit kämpfte, all die Jahre, mal in der Klinik oder zu Hause, meistens aber ihrer vollen Arbeit im Günter-Stöhr-Gymnasium nachgehend. Und das mit Freude und Leidenschaft. Gleichzeitig hatte sie Hoffnung, dass irgendeine der verschiedenen Behandlungsmethoden ihr noch helfen könnten.  Im Sommer letzten Jahres erzählte sie mir, dass ihr behandelnder Arzt ihr schon zweimal gesagt habe, dass das Zeitfenster ihres Lebens vermutlich nicht mehr sehr groß sei. Das kommentierte sie mir gegenüber so: „Weißt du, ich habe gar keine Angst vor dem Tod. Ist das nicht komisch?“ Maria Schlegel lebte so fraglos im Augenblick, dass sie davon jeweils ganz erfüllt war – egal, mit was sie sich gerade beschäftigte, mit ihrer Küche oder mit Korrekturen. Israel, das Günter-Stöhr-Gymnasium, das als Privatschule christlicher Prägung so sehr ihrem Denken, ihrer Hoffnung und Freude entsprach, waren sozusagen die „Funde“ ihres Lebens. So sah es auch der St. Anna Schulverbund und hat ihr trotz bereits schwerer Krankheit, die auch immer deutlicher zu Tage trat, und weil es ihr inniger Wunsch war, das Unterrichten, solange es nur ging, ermöglicht.  Frau Schlegel war gerührt von der Rücksicht der Schüler, als sie – schon sehr schwach – die letzten Tage unterrichtete. Am 30. November letzten Jahres – sie konnte kaum noch gehen und sprechen – betrat sie zum letzten Mal das Schulhaus und erledigte ihre Arbeit. Kurz vor Weihnachten wurde klar, dass keine Behandlung ihr mehr würde helfen können. Als Ärzte im Beisein ihrer Schwester ihr das mitteilten und diese daraufhin in Tränen ausbrach, tröstete Frau Schlegel sie mit den Worten: „Ich habe keine Angst vor dem Sterben; ich habe das schönste Leben gehabt, das ich mir denken kann.“ Dann begannen ihre letzten Wochen auf der Palliativstation und dem Hospiz der Barmherzigen Brüder in München. Es mag übertrieben klingen, aber sie hat es selbst so gesagt: Sie hat die Zeit dort sehr genossen. Die anstrengende Behandlung entfiel, sie erhielt die für ihren Zustand erforderlichen Schmerz- und Schlafmittel. Kurz nach ihrem Umzug dorthin erzählte sie: „Heute habe ich erstmals die ganze Nacht durchgeschlafen und das erste Mal wieder mit Appetit gegessen.“ Sie blühte auf trotz der weiter fortschreitenden Krankheit. Sie konnte sich an allem freuen: das schön eingerichtete Zimmer, die Karten, die sie bekam, die vielen Blumensträuße, das wechselnde Tageslicht mit oder ohne direkte Sonne, die Bäume vor ihrem Fenster und darin ab und an die ersten auftauchenden Vögel. Und jeder Besuch war ihr eine kleine Sternstunde: ob aus der Familie, der Schule, Kollegen wie Schüler, ihre Schwestern und Brüder aus der Katholischen Integrierten Gemeinde, die sie als ihre neue Familie bezeichnete. Nicht zu vergessen die aufmerksame Präsenz der Krankenschwestern, tags und nachts, die sich als ihre ständigen Begleiter erwiesen, auch in schwierigen Situationen. Der Höhepunkt im Hospiz war für Frau Schlegel – wie im gesunden Leben auch – der Sonntag. An  jedem Sonntag kam ein Priester der Katholischen Integrierten Gemeinde und hielt in der Kapelle des Hauses – zusammen mit ihr und nahestehenden Personen – die Eucharistiefeier, den sonntäglichen Gottesdienst. Dies erklärt auch ihre tiefe Verankerung im Glauben, der ihr ganzes Erwachsenenleben prägte – ohne viel Aufhebens, ohne große Worte, sondern mit einer vernunftorientierten Selbstverständlichkeit.

Von ihrer Wachheit bis zuletzt zeugt ein Telefonat mit einer Freundin in Israel noch am Morgen ihres Todestages. Am Abend dann, sitzend auf der Bettkante, im Gespräch mit zwei ihrer Schwestern und einer Krankenschwester sank sie leicht nach vorne. Ihr Herz war stehengeblieben. Was Maria Schlegel uns beispielhaft lehrt, über den Schulunterricht hinaus: das Leben in allen seinen Situationen zu lieben und vor seinem Ende keine Angst zu haben. Die jüdische Dichterin Hilde Domin, die früher einmal das Günter-Stöhr-Gymnasium besuchte, beschrieb in einem Gedicht, was das Sterben eines Menschen für die Anderen bedeutet: 

 

Jeder der geht

belehrt uns ein wenig

über uns selber.

Kostbarster Unterricht

an den Sterbebetten."