Der Deal


Das Telefon schrillte. Als ich gerade aufstehen wollte um den Anruf entgegen zu nehmen, rief mein Vater von unten: ,,Ich geh ran!” Ohne weiteres setzte ich mich wieder auf mein Bett. ,,Komisch’’, dachte ich ,,In letzter Zeit kriegt er richtig oft solche Anrufe.’’ Da es nicht meine Angelegenheiten waren und ich so etwas anscheinend nicht verstand, nahm ich meinen Laptop raus und fing an im Internet zu surfen. Es war sieben Uhr abends, ich schaute YouTube und so und um zehn Uhr wurde ich langsam müde und wollte mich bettfertig machen, als mir plötzlich einfiel, dass mein Vater noch meine EnglischSchulaufgabe unterschreiben musste.  Also ging ich runter, mit der Klausur in der Hand. Wie immer hörte ich das Vertraute Knarzen unserer alten Holztreppe. Gerade als ich die Tür zum Wohnzimmer öffnen wollte, hörte ich, dass mein Vater immer noch am Telefon war. Mit wem auch immer er dort redete, beide schienen nicht besonders nett zueinander zu sein. So sauer hatte ich meinen Vater noch nie erlebt. Ich wollte wissen was los war, deswegen rannte ich zu seinem Arbeitszimmer, griff nach unserem zweiten Telefon und hing mich in die Leitung rein. Es war schwer sie, beide zu verstehen, da sie sich die ganze Zeit anschrien, doch plötzlich wurde es still. Ich hatte Angst, dass sie mich irgendwie gehört hatten, beim Atmen oder so. Doch dann hörte ich ein Schniefen. Ich war nicht sicher, ob von meinem Vater oder dem anderen Mann. Aber gleich darauf hörte ich die unverkennbare tiefe, rauhe Stimme meines Vaters. Er sprach sehr leise und traurig. Ganz anders als sonst. Er sagte: „Ivan, ich brauche sie. Ludovica braucht sie!” „Ich weiss.”, antwortete dieser Ivan. “Dann bitte, lass’ sie frei!”, flehte mein Vater “Ludovica meine Tochter ist ohne Mutter aufgewachsen! Nun, nach 16 Jahren lerne ich jemanden kennen den ich liebe. Jemand, der auch meine einzige Tochter Ludovica liebt. Ich will sie heiraten! Meine Trauer-Gedanken an Maria zurück lassen und eine neue Mutter für meine Tochter haben. Zum zweiten Mal eine richtige Familie gründen!” Am anderen Ende der Leitung atmete jemand gelangweilt aus. Es war Ivan, ein sehr unangenehmer Geschäftspartner meines Vaters. Ich verstand nichts. Warum redete mein Vater mit einem Arbeitskollegen über meine verstorbene Mutter Maria und mich? Meine Gedanken formten Sätze gegen Ivan und meinem Vater die nicht gerade nett waren, doch während sich in meinem Kopf die Hölle abspielte, sprach Ivan weiter: “An deiner Stelle hätte ich jetzt schon längst aufgelegt und mich an die Arbeit gemacht.” Nach einer beklemmenden Stille sagte mein Vater mit schwacher Stimme: “Wie kannst du so herzlos sein und mich zwingen so etwas zu tun? Ich wollte doch grade aufhören und wieder normal leben.” Ivan verspottete meinen Vater: “Antonio, wenn man einmal so etwas beginnt, wird man, so sehr man auch will, nie wieder normal sein.” Mal wieder, verstand ich nichts von was sie dort redeten, ich war völlig durcheinander, doch ich hörte weiter zu: “Ivan ich bitte dich, sag mir einfach wo Marcella ist!” “Weißt du, ich würde es dir echt gerne sagen, aber du musst einfach erst diese Lieferung für mich machen.” Sagte Ivan mit seiner von falschem Mitgefühl ertränkten Stimme: “Ich wiederhole es jetzt noch mal extra für dich, okay Antonio? Also, du musst einfach nur mit deinen Leuten die Ladung Kokain aus deiner Heimatstadt Mailand zu mir nach München liefern. Wenn ich den Stoff habe, kommt auch wieder deine Marcella zu dir, du kannst sie heiraten, eine Familie gründen bla bla bla, was du eben gesagt hast. Deal?”, “Bitte sag nein, bitte sag nein, bitte sag nein!” flehte ich meinen Vater in Gedanken an. Ich hatte verstanden was los war und es durfte auf  keinen Fall geschehen! “Deal”, sagte mein Vater. Ich legte auf. Auf dem Weg zu meinem Zimmer, schaltete ich komplett ab. In meinem Kopf wiederholte sich dieses Gespräch so oft, dass es langsam gruselig wurde, ich schaute 

auf die Uhr und sah, dass es kurz vor elf war. “Als ob”, dachte ich mir “es kam mir vor wie fünf Minuten.”, also stand ich auf und machte mich auf den Weg nach unten. Ich wollte für eine Weile nach draußen gehen und Luft schnappen um wieder klar denken zu können. Als ich auf dem Weg zur Tür war, sah ich unser Telefon auf dem Tisch liegen und meinen Vater in einem Sessel sitzen, während er ein Glas Wein trank und seine Augen leer und traurig eine Stelle im Raum anstarrten. Für einen Bruchteil einer Sekunde wollte ich mich zu ihm setzen und fragen was los sei und wie ich ihm helfen könnte, so wie er das immer bei mir tat. Doch nach dem was ich eben am Telefon gehört hatte, war es mir unmöglich, ihm in die Augen zu schauen. Gerade als ich durch die Tür treten wollte, kam mein Vater und fragte: “Na, wo gehst du denn hin, junges Fräulein? Es ist ja fast elf!”, “Misch dich nicht in meine Angelegenheiten ein sondern kümmere dich lieber um deine!”, maulte ich ihn an und knallte beim Rausgehen die Tür zu. Ich erwartete, dass er rauskommen und um eine anständige Antwort bitten würde, aber er tat es nicht. Ich lief weiter, hatte kein Ziel, wollte einfach nur weg. Es fing an zu regnen: “Klar! Heute ist wirklich mein Glückstag!”  Mit gesenktem Kopf durch die dunklen Straßen suchte ich irgendwo ein Dach, um mich vor dem Regen zu schützen.  als ich plötzlich gegen jemanden stieß: “Hey!”, schrie der “Was soll das? Pass auf!”, “Tut mir Leid. Tschuldigung.”, murmelte ich. “Passt schon. Sorry, dass ich dich so angeschrien habe.” Es war ein junger Mann, ungefähr in meinem Alter, also an die sechzehn oder älter. Seine Stimme war aber nun viel freundlicher als davor. Ich nickte schüchtern. “Komm, suchen wir uns einen Unterschlupf” und schnell genug fanden wir ein Bushäuschen, in dem wir uns unterstellten. Er redete viel von der Nacht und der Straße. Ich konnte ihm ansehen, dass er gemerkt hatte, dass es mir mental nicht gut ging… dass etwas passiert war und er mich irgendwie davon ablenken wollte. Das grelle Licht einer Straßenlaterne tat meinen Augen weh: Doch irgendwann ging es wieder. Er hieß Marco und war siebzehn Jahre alt. Dann erzählte ich ihm meine ganze Geschichte. Klar, wir hatten uns eben kennen gelernt, aber da war so etwas zwischen uns, eine Art Vertrauen, die es nur selten gibt und die man sofort wahrnimmt. Marco erzählte mir, dass er schon mit fünfzehn abgehauen ist, nachdem seine Eltern gestorben waren. Seitdem lebte er in verschiedenen Heimen und im Sommer eher auf der Straße, weil es wärmer ist. Er versprach mir zu helfen und erzählte von seinen Polizeikontakten wie ein Insider. Von einem Beamten, den er Peter nannte, wusste er, dass er in der Drogenszene die ganz großen Geschäfte aufmischte. “Der hat jede Menge Pakete in der Asservatenkammer und kann weißes Pulver, das keiner vom echten unterscheiden kann, in jeder szeneüblichen Größe und Verpackung organisieren. Ich muss nur wissen, wo die Übergabe stattfinden soll.”  Die Sonne war schon untergegangen als Marco und ich uns auf die Parkbank setzten. Es waren ungefähr zwei Wochen nach dem Telefonat und meinem Kennenlernen mit ihm vergangen. In der Zeit hatten wir die Polizei kontaktiert und sind gefühlte tausendmal unseren Plan durchgegangen. Ich fühlte mich zu allem bereit. Das grelle Licht der Straßenlaternen leuchtete auf den Spielplatz und die Gebäude um uns herum. Irgendwie erinnerte mich dieser Moment ein bisschen an den späten Abend, an dem Marco und ich uns kennen lernten, nur lag  dieses Mal viel mehr Aufregung in der Luft. Plötzlich wehte ein eisig kalter Wind der mich erstarren ließ. Marco bemerkte dies und zog mich an sich, mein Kopf lag an seiner warmen Brust und ich hörte seinem Herzschlag zu. ,,Bitte lass es für immer so bleiben.”, murmelte ich in Gedanken, doch dann sagte meine Stimme der Vernunft: ,,Ludovica nicht jetzt! Du musst deinen Vater retten! Lass dich nicht von so was ablenken!”. Ich setzte mich wieder auf, für einen kurzen Moment schaute Marco mich etwas enttäuscht und fragend an, aber dann nickte er leicht, als hätte er verstanden und schaute auf den Spielplatz. Ich folgte seinem Blick, erst jetzt fielen mir die Obdachlosen auf, die sich auf den ganzen Park verteilt hatten. Es waren mehr als sonst und das beunruhigte mich, ich

fragte Marco: “Weißt du vielleicht warum es heute so viele sind?”, er antwortete: “Nicht alle sind Obdachlose. Ein paar davon sind meine Freunde aus den Heimen, andere sind Polizisten die sich verkleidet haben.” Ich nickte etwas überrascht, als  Antwort. Jetzt hieß es nur noch abwarten. Ungefähr zehn Minuten später fuhr das Auto meines Vaters die Straße hoch. Mein Herz schlug gefühlte tausend Mal schneller als davor aber ich blieb weiter hin unauffällig und ließ mir hoffentlich nichts anmerken. Wir sahen zu, wie mein Vater aus dem Wagen ausstieg und zu einem schwarz-gekleideten Mann ging. Er redete mit ihm und deutete, mit seiner Hand, gleichzeitig auf das Auto wahrscheinlich sagte er ihm, dass das Kokain dort drin war: “Weiß er eigentlich von dem Betrug und so?”. “Wer, mein Vater?”, antwortete ich: “Nein, ich hab mich am Ende doch dagegen entschieden, es ihm zu sagen. Vielleicht spielt er dann besser?”, den letzten Satz sagte ich ein bisschen hoffnungsvoller, als gewollt. Marco lächelte: “Sicher”. Wir sahen weiter zu, wie der Mann zu dem Auto ging, den Kofferraum öffnete und den Stoff rausholte. Man merkte, dass mein Vater irgendwie erleichtert, aber auch enttäuscht war, und zwar mit sich selbst. Der Mann ging mit der Ladung in ein kahles, dunkelgraues Gebäude und kam nur wenige Minuten später wieder raus. Nur war dieses Mal Ivan dabei, der boshaft grinste. Von dem Kokain war keine Spur: “Ach Antonio, ich wusste ich konnte mich auf dich verlassen.” Mein Vater nickte: “Jetzt lass sie frei Ivan. Ich hab meinen Teil des Deals eingehalten, nun bist du an der Reihe.” Marco und ich hatten uns leise und unauffällig auf eine andere Parkbank gesetzt, die viel näher war als die davor um zu hören was sie sagten, aber nicht zu nah, damit wir nicht auffielen: “Jaja ich weiß, ich weiß…aber was wenn ich mich nicht dran halte? Irgendwie, hätte ich schon gerne eine Partnerin in meinem Leben... Wie wär’s mit der süßen, kleinen Marcella?”, sagte Ivan, immer noch boshaft grinsend, zu meinem Vater, der ihn geschockt und verunsichert ansah: “I-Ivan, tu das nicht!”, genau in dem Moment öffnete Marcella eine Tür und stolperte hinaus während sie nach meinem Vater rief. Er sah sie und wollte zu ihr hin rennen, aber Ivans Männer versperrten ihm den Weg. Sofort gab Marco den Polizisten im Park ein Zeichen und sie packten Ivan von hinten, inklusive seiner Männer. Alles ging wie geplant. Ich rannte zusammen mit Marco, zu Marcella und meinem Vater und umarmte beide fest. Ivan und seine ganze Bande wurden in Polizeiwagen gesteckt, während ihnen gleichzeitig erklärt wurde, wie sie aufgeflogen sind. Danach hörte ich Ivans hasserfüllten Schrei, der mich zum Kichern brachte. Die Polizisten bedankten sich bei uns und gingen, ohne meinen Vater mitzunehmen. Anscheinend drückten sie mal ein Auge zu: “Kommt, gehen wir nach Hause.”, sagte mein Vater zu  mir und Marcella: “Nicht ohne Marco!”, antwortete ich und gab Marco einen Kuss auf die Wange. Marco grinste meinen Vater an, der dann Marcella und mich anlächelte: “Nein. Nicht ohne Marco.”