Die Bewährungsprobe

Max und Paul kannten sich schon seit der ersten Klasse und waren seitdem beste Freunde. Doch jetzt wurde ihre Freundschaft auf eine harte Probe gestellt. „Mann Paul, ich habe echt total Angst vor der Matheschulaufgabe am Donnerstag“, sagte Max auf dem Nachhauseweg von der Schule. „Wenn ich die verhaue, mache ich die achte Klasse noch mal. Und darauf habe ich gar keinen Bock.“ „Wie wäre es“, entgegnete Paul, „wenn wir uns einen Spickzettel schreiben und den nicht im Ärmel verstecken, sondern an die Pinnwand hängen. Das fällt bestimmt nicht auf. Und nachweisen kann uns auch niemand was!“ „Kannst du vergessen, von meinem Sitzplatz aus erkenne ich gar nichts, außer die Schrift ist so groß wie auf einem Werbeplakat“, antwortete Max und setzte sich frustiert auf eine Parkbank. „Ich hätte schon eine Idee, wie wir die Schulaufgabe mit Leichtigkeit bestehen und sogar eine Eins bekommen“, sprach Max weiter und erklärte seinem Freund, dass er bei ihrem Mathelehrer Herrn Maier einbrechen und die Schulaufgabe klauen will. Diese ist zwar in einem Tresor, aber seine Schwester hatte früher Nachhilfe bei Herrn Maier und hat beobachtet, wo sich der Schlüssel befindet. So wäre es ganz einfach, die Schulaufgabe zu stehlen. Paul winkte darauf ab: „Das ist Einbruch, und dafür gehen wir in den Knast, wenn wir erwischt werden. Willst du das echt riskieren?“ Daraufhin bezeichnete Max in seinem Frust seinen Kumpel als Weichei, und ihre Wege trennten sich. Am nächsten Tag versuchte Paul erneut, Max von seiner Einbruchsidee abzubringen. Aber vergeblich! Max hatte sich schon einen Plan vom Arbeitszimmer seines Mathelehrers gemacht, um sich in der Dunkelheit besser zurechtzufinden. Denn er hatte vor, schon in dieser Nacht einzubrechen und die Schulaufgabe zu klauen. Paul konnte es nicht fassen, dass Max das wirklich durchziehen wollte. Die ganze Nacht konnte er vor Aufregung kaum schlafen. Am Mittwoch ließ sich Max nicht in der Schule blicken. Wahrscheinlich, so dachte Paul, ist er entweder beim Einbruch erwischt worden oder er lernt die geklauten Matheaufgaben alle auswendig. Aus Angst vor der Wahrheit meldete sich Paul bei seinem Freund nicht.  Der Tag der Entscheidung war gekommen. Paul fing Max noch vor dem Schulgebäude ab und fragte diesen aufgeregt, ob er es getan hat. Doch Max lächelte und antwortete stolz: „Du wirst es schon sehen“ und zog ab. Nach der Schulaufgabe strahle Max über das ganze Gesicht, und Paul ging dem „Einbrecher und Dieb“ aus dem Weg. Das ganze Wochenende wollte Paul nichts mit ihm zu tun haben und dachte nach, ob er seinen Freund beim Mathelehrer verpetzen soll oder nicht. Ihn plagten große Gewissensbisse:“ „Verrate ich Max, bin ich kein wahrer Freund. Sage ich nichts, bin ich Mitwisser und auch schuldig.“ Die Ungewissheit hatte ein Ende, als endlich Montag war und die Schüler ihre Mathetests zurückbekamen. Wie immer las Herr Maier bei der Rückgabe der Schulaufgabe die Noten mit einer Bemerkung laut vor. Hatte man Glück, war es zum Beispiel ein „Gut gemacht“ für eine Zwei, hatte man Pech, so spottete er bei einer Fünf, man hätte besser Lotto spielen sollen. Als Max an der Reihe war, war Herr Maier voller Begeisterung und überreichte ihm eine Drei mit den Worten „Du hast es geschafft, selbst wenn ich nicht weiß wie!“ Paul spürte, wie er kreidebleich wurde und ihm der Schweiß von der Stirn tropfte. „Er hat es also getan, das vermutet ja jetzt auch der Maier“, dachte sich Paul.  Gleich in der Pause schnappte er sich Max und sprach mit voller Wut: „Sag mir endlich, was du getan hast. Bist du ein Dieb?“ Max stieß ihn zurück und lachte: „Was wäre dann? Willst du mich verpetzen oder sogar anzeigen?“ Paul flehte ihn an, ihm doch bitte die Wahrheit zu sagen, und fiel dazu auf die Knie. Daraufhin klopfte Max im auf die Schulter, zog ihn mit beiden Händen wieder hoch und sagte: „Du bist mir ein wahrer Freund. Glaubst du wirklich, ich bin bei Herrn Maier eingebrochen? Nein, bin ich nicht!“ Paul guckte ihn verunsichert an und stammelte: „Wie hast du es dann geschafft, eine Drei zu bekommen?“ Max erklärte: „Ich habe mit meiner Schwester gelernt, und dazu den ganzen Mittwoch.“ „Aber“, und das sagte er mit einem Lächeln,“ verrate mich nicht, weil ich deswegen geschwänzt habe.“  Da umarmte ihn Paul und versicherte ihm: „Niemals!“