Ein teures Hobby


Toni war aufgebracht. Nein, mehr als das: Er war wütend. Doch seinem Vater, der mit rotem Kopf vor ihm stand, schien es ähnlich zu gehen. ,,Ich will nur das Beste für dich! Eines Tages wirst du es vielleicht einsehen! Und gute Schulnoten gehören einfach dazu“, rief er, genervt davon, dass sein Sohn die Strafe, die er für angemessen hielt, nicht akzeptieren wollte. ,,Ich spare seit Ewigkeiten für das Konzert, da kannst du mir doch nicht kurz vor Verkaufsschluss der Karten das Taschengeld kürzen!“, entgegnete dieser aber laut. Ja, er hatte ein paar schlechte Zensuren in seinem Halbjahreszeugnis bekommen. Na und? Er wollte doch eh kein Mediziner werden. ,,Mir reicht’s, und ob ich das kann!“, schnauzte sein Vater, statt sich auf eine Diskussion einzulassen. ,,Ich habe jetzt ein wichtiges Meeting in der Bank.“ Er schnappte sich seinen Mantel, warf Toni einen letzten strengen Blick zu und knallte die Tür.

 ,,Und jetzt?“, fragte sich Toni verzweifelt. ,,Ich brauche das Geld unbedingt!“ Langsam schlurfte er vom Eingangsbereich die Treppe bis in den ersten Stock nach oben und kam dabei an der offenen Tür des Arbeitszimmers seines Vaters vorbei, dem größten Zimmer im gesamten Haus. Dort regelte er seine Arbeiten für ‘Digital Coins‘, die Bank, in der er als zweiter Geschäftsführer vor vier Jahren mitgewirkt hatte, damit dank einer neuen Regelung statt Barzahlung nur noch mit digitalem Geld gehandelt wurde. Es war für seinen Vater ein unglaublich faszinierender Prozess gewesen. Zwar liebte er die fortgeschrittene Technik, war aber selbst eher unbegabt. Doch mit seinen klaren Visionen und seinen Führungsqualitäten war er für den Erfolg der Bank unverzichtbar.

 Auf einmal stahl sich beim Anblick des Schreibtisches eine Idee in Tonis Kopf, so gut, dass er sie nicht mehr vertreiben konnte. Er nahm Platz und entsperrte den Computer seines Vaters mithilfe des Passwortes, welches kein wirkliches Geheimnis war. Jeder, der ihn auch nur flüchtig kannte, wusste von seiner Leidenschaft: Tonis Vater sammelte seltene, wertvolle Oldtimer, doch sein bekannter Liebling war sein dunkelblaues Mercedes-Benz 220 Cabrio. Das Kennzeichen dieses Sammelstücks war Toni gut bekannt und wurde im Haus auch als Code für das Amazon Prime – Konto und als WLAN- Passwort genutzt – Toni musste oft neue Geräte im Haus für seinen Vater im WLAN anmelden. Er wusste, dass es keine besonders gute Idee war, plante aber trotzdem, sich dort einfach auf eines seiner Konten, speziell eingerichtet für sein Taschengeld, selbst das benötigte Geld einzuzahlen. Er sparte doch nun schon so lange! Doch da, gerade, als der Computer das Passwort als korrekt erkannt hatte, öffnete sich ein Dokument mit einigen aufgelisteten Bankkonten.

Toni konnte seine Neugier nicht besiegen und betrachtete die Daten der Personen genauer, denen die jeweiligen Konten gehörten. Ihm fiel anhand der eingetragenen Familienstand- und Geburtsdaten auf, dass alle Anleger der Konten etwas gemeinsam hatten: Sie waren alt und alleinstehend. Toni war verwirrt. ,,Wozu braucht mein Vater so eine Liste?“, fragte er sich. Das fehlende Geld für seine lang ersehnten Konzertkarten war vergessen. Es waren noch weitere Daten notiert – nach näherer Betrachtung persönliche Informationen, die ein Bankdirektor nicht über seine Kunden wissen muss: Wie gut es um die geistige Gesundheit stand, ob ihre Unterlagen ab und zu von Freunden oder Verwandten überprüft wurden – doch besonders wichtig schien zu sein, wie vermögend sie waren.

Auch waren noch Rechnungen aufrufbar – nach kurzer Überprüfung Arztrechnungen, in denen beunruhigend oft die Wörter ,,Chemotherapie“ und ,,Tumorbehandlung“ vorkamen. Der Rest war für Toni schwer verständlich – wie gesagt, Medizin interessierte ihn nicht -, doch unter den vielzähligen Rechnungen entdeckte er tatsächlich die Kontonummern der scheinbar schwerkranken Leute, direkt neben den dazugehörigen Passwörtern! So etwas konnte nicht mit rechten Dingen zugehen!  Er lehnte sich ungläubig zurück. ,,Das ergibt doch alles vorne und hinten keinen Sinn!“, murmelte er widerwillig vor sich hin, als sein Blick auf die Uhr fiel und er bemerkte, dass er eigentlich schon auf dem Weg zum Fußballtraining sein sollte. ,,Heute gibt es wichtigere Dinge“, beruhigte er sich und wollte gerade die nächste Kartei aufrufen, als er unten an der Haustür einen Schlüssel hörte.

Geschockt sprang Toni auf. Das konnte doch gar nicht sein! Sonst war sein Vater nie so früh von seinen Meetings zurück. Schnell schloss er das Dokument und loggte sich aus, doch da ertönten bereits laute Schritte auf der Treppe. Panisch suchte er mit den Augen den Raum ab und fand in seiner Not nur die sperrige Kommode mit den zwei Schiebetüren davor, in der sich nichts weiter als ein Pokal des bekannten italienischen Oldtimer- Autorennens `Mille Miglia´ befand – bisher noch der einzige, aber in der Zukunft sollten es natürlich noch mehr werden. Sofort schlüpfte er in den vollgestaubten Innenraum des alten Möbelstücks. Keine Sekunde zu spät, denn gerade betrat auch schon jemand den Raum!

Toni hörte, wie sich jemand schwerfällig auf den knarzenden Schreibtischstuhl sinken ließ und sich sofort an dem Computer zu schaffen machte. Doch als er vorsichtig die rechte Tür ein winziges Stückchen öffnete, um durch den freien Spalt zu spähen, bekam er einen gewaltigen Schock: Nicht sein Vater, sondern dessen Vermögensberater Martin saß wenige Zentimeter von ihm entfernt! Er war für die Familie als privater Vermögensberater tätig, half mit wichtigen Entscheidungen zum Beruf oder teuren Neuanschaffungen wie beispielswiese dem heißgeliebten Cabrio und war auch ziemlich gut mit Tonis Vater befreundet. Die beiden spielten zusammen Squash in einer Halle ganz in der Nähe oder besuchten Autoausstellungen, da sie ihre Leidenschaft für Oldtimer teilten – Martin selbst besaß eine ganze Garage voll mit historischen Fahrzeugen, wie Toni von seinem Vater wusste. Er schien ein ziemlich verschwenderisches Leben zu führen. Manchmal passte er auch auf Toni auf, wenn sein Klient abends mal länger außer Haus war und besaß deswegen einen Zweitschlüssel. Toni hatte ihn nie wirklich gemocht. Denn, ernsthaft, welcher Dreizehnjährige wollte denn noch von einem Babysitter beaufsichtigt werden?

 ,,Der hat hier drinnen doch nichts zu suchen!“, dachte Toni entrüstet. Der PC war neben dem Mercedes ein Heiligtum seines Vaters, wusste er ganz genau. Niemand anderes durfte ihn auch nur anrühren! Doch da sah er erst, was Martin währenddessen eigentlich tat: Er loggte sich mit dem anscheinend gut bekannten Passwort in das Konto seines Kunden und Freundes ein und schien dabei auch keine Berührungsängste zu haben. Tat er es vielleicht nicht zum ersten Mal? Kaum war er in dem Konto, fügte er auf dem sofort wiedererscheinenden Dokument weitere Infos zu den Kunden hinzu und öffnete danach das Netzwerk für Mitarbeiter der Bank, als auf einmal ein Handy klingelte.

Toni bekam einen Schock. War das etwa sein Smartphone, welches er grundsätzlich immer in seiner Hosentasche bei sich hatte? Aber nein, es gehörte Martin, der entnervt ein altes zerschrammtes Samsung aus den Tiefen seiner Jackentasche kramte und ein Telefonat entgegennahm. Glücklich darüber, nicht erwischt worden zu sein, erinnerte Toni sich auch daran, wozu er mit seinem eigenen Handy in der Lage war: Er konnte Martin aufzeichnen und damit später nachweisen, wenn dieser irgendwelche falschen Absichten hegte. Wozu sonst meldete er sich heimlich in dem Server der Bank an und führte Listen über reiche, kranke alte Leute?

Er startete ein neues Video und hielt fest, wie Martin ein unfreundliches ,,Hallo?“ in den Lautsprecher rief. ,,Oh, Schatz. Ich bin gerade noch bei einem Kunden. Dem Kunden.“ Er schwieg kurz. Wahrscheinlich telefonierte er mit seiner Frau. Viel wusste Toni nicht über sie. Sie war Sachbearbeiterin bei der Krankenkasse oder so. ,,Natürlich geht das! Du hast mir doch diese ganzen Infos besorgt“, kam da von Martin. ,,Diese Krebs- Geschichten.“ Toni wurde wieder aufmerksamer. ,,Das klappt ohne die Rechnungen nicht. Die Leute müssen doch denken, die haben gezahlt für irgendwelche Wundermittel bis zum Umfallen. Bis die pleite waren!“, hörte er. ,,Sonst funktioniert das nicht. Man muss diese sauteuren Medikamente nämlich gar nicht haben, um sie in Rechnung zu stellen.“ Martin spöttelte lachend: ,,Wenn diese Rentner ins Gras beißen, fragt doch eh niemand mehr, wo irgendwelche Medizin geblieben ist!“ Toni bemerkte, wie sich ein ungutes Gefühl in ihm breitmachte. Fast wünschte er, er wäre doch einfach zum Training verschwunden und hätte das alles gar nicht mitbekommen.

,,Hey, unsere Schulden sind bezahlbar! Weißt du, du musst ja auch nicht alles wissen, Schatz. Wir werden den Deal unseres Lebens machen, vertrau mir, okay?“ Martin fing an zu lächeln. ,,Mach dir keine Sorgen. Das ist alles einfacher als du denkst! Ich komme gleich zum Abendessen.“ Er legte sichtlich zufrieden auf. Toni zoomte an das geöffnete Dokument heran, damit später auch alles gut zu erkennen war. Martin saß noch für einen kurzen Moment zufrieden vor dem Bildschirm, bevor er mit einem Blick auf seine Armbanduhr endlich die Seite schloss und den Computer wieder in den vorherigen Zustand brachte.

Sichtlich vergnügt verließ der Berater das Zimmer und warf kurz danach auch die Haustür hinter sich ins Schloss. Aufatmend kroch Toni aus der beengten Kommode und beendete die Aufnahme. Martin hatte sich wirklich einen guten Plan ausgedacht: Als zweiter Chef der erfolgreichsten Bank Europas hatte sein Vater online Zugriff auf unglaublich viele Daten. Natürlich war es für einen Verbrecher besonders wichtig, die Kontostände der Opfer herauszufinden. Die waren zwar auch für ein hohes Tier in der Firma nicht sofort abrufbar, aber deutlich einfacher in Erfahrung zu bringen. Martin meldete sich deswegen scheinbar auf dem Computer seines Freundes an und suchte sich steinreiche, aber todkranke Kunden der Bank aus. Mithilfe seiner Frau wollte er ihnen falsche Rechnungen ausstellen, um es so aussehen zu lassen, als gäben sie Unmengen an Geld für besonders teure Medikamente aus. In Wahrheit aber überwies er das Geld bestimmt von deren Konto auf sein eigenes, was dank der Passwörter zu den Konten der Kunden ein leichtes Spiel war!

,,All das nur, weil er und seine Frau Schulden haben! Ich werde damit sofort zur Polizei gehen!“, beschloss Timo. Vielleicht hätte Martin sich doch günstigere Hobbys suchen sollen, statt in Autos zu investieren und sein Geld aus dem Fenster zu werfen. Inzwischen wurde ja auch nichts Greifbares, sondern nur noch Digitales gestohlen und als todkranker Rentner vergaß man bestimmt leicht, wann man wozu welche Menge Geld verlagert hatte; da hatte man bestimmt andere Sorgen. ,,Martin hat sich seine Opfer bestimmt gut ausgesucht“, dachte Toni grimmig. Und wer das Dokument auf dem Computer seines Vaters fand, verdächtigte natürlich sofort den Besitzer des Geräts. Er war unglaublich froh, diesen Plan mit seinem Video durchkreuzen zu können.

Tja, Martin, der zwar einen guten Plan gehabt, aber auch nicht besonders vorsichtig war und der den Terminplan der Familie kannte und seinen Vater in der Bank und Toni beim Fußballtraining wähnte, hatte zu seinem eigenen Pech nicht mit Beobachtern gerechnet. Bestimmt würde sein Vater nach diesem Vorfall ein deutlich weniger offensichtliches Passwort einrichten. Und vielleicht, ganz vielleicht, spendierte er aus Dankbarkeit seinem Sohn gegenüber auch die so unbedingt erwünschten Konzertkarten?