Das Virus und die Klugen Köpfe - ein Kommentar zur Krise

In der Coronakrise hat sich die Politik auf falsche statistische Schlussfolgerungen und auf Wissenschaftler verlassen, die auch nicht alles wissen


Neue Größenverhältnisse in der FAS-Graphik: Wie Sisyphus arbeitet sich der Mensch am Virus ab
Neue Größenverhältnisse in der FAS-Graphik: Wie Sisyphus arbeitet sich der Mensch am Virus ab

„Mehr Tote in Italien als in China“

mit dieser Schlagzeile auf der Titelseite am 20.03.20, dem Tag, an dem die Politik drastische Beschlüssen zu Ausgangssperren fasste, zeigte die Frankfurter Allgemeine Zeitung wo der Virus zuschlägt, wenn plötzlich alles unsicher erscheint und man sich an Zahlen klammert, wie an eine Rettungsplanke. Einer von jedem Nachdenken losgelösten Zahlen-Gläubigkeit kann man offenbar jeden Pandabären aufbinden. Wer nur für den Bruchteil einer Sekunde darüber nachdenkt, welche Bevölkerungszahlen China und Italien haben und dass in China der Ausbruch der Epidemie begann, weiß, dass die Schlagzeile falsch und das Gegenteil wahr sein muss. Tatsächlich beruhten die verschiedenen Zahlen in China und Italien vor allem darauf, dass in Italien Verstorbene auch nachträglich im Verdachtsfall auf das Virus getestet wurden, während China aufgehört hatte zu zählen. Treu den unvergleichlichen Statistiken folgend berichtete die FAZ, dass die Chinesischen Behörden mitteilen, „es habe im ganzen Land 34 neue Fälle gegeben, bei denen es sich ausschließlich um Personen handelt, die aus dem Ausland nach China eingereist seien“.

China hatte einen Erfahrungsvorsprung von einigen Wochen und es hatte das Rollenmodell für die Bekämpfung des Virus gesetzt. Fast die ganze Welt war sich einig mit China in der Entschlossenheit der Quarantänemaßnahmen. Es bleibt zu hoffen, dass sich dies nicht auf den Umgang mit den Bürgerrechten und mit der der Wahrheit überträgt. Auch von der Wissenschaft kann sich die Politik im Umgang mit einem noch unerforschten Virus nur Empfehlungen erwarten, keine Wahrheiten. Als Markus Söder die Ausgangsbeschränkungen begründete, sprach er das Dilemma offen an, dass sich Virologen an einem Tag unsicher äußern, ob Schulschließungen etwas bringen und am nächsten Tag dringend zu noch viel schärferen Maßnahmen raten. Von vielen klugen Köpfen hört man, dass die Welt nach der Coronakrise nicht mehr die gleiche sein kann wie zuvor. Zu sehr hat sie dem Hochgefühl menschlicher Klugheit auch seine angstbesetzte Beschränktheit und Verletzlichkeit vor Augen geführt.