Einigkeit und Recht und FIFA

Warum werden wir im Vierjahresrhythmus patriotisch und was ist daran politisch?

Alle vier Jahre ist es wieder so weit. Die schwarz-rot-goldenen Fahnen werden aus den verstaubten Kellerzimmern hervorgekramt und in sämtlichen Vorgärten gehisst. Souvenirläden machen ihre Jahreshöchstumsätze, hier und da hört man das leise Summen von Melodien und Liedfetzen wie „Ein Hoch auf uns“. Ein Gefühl des nationalen Stolzes liegt in der Luft. Wer denkt, der Grund für solch eine rührende vaterländliche Ehrerbietung könnte in einen politischen Zusammenhang gebracht werden, etwa mit der Wahl des Bundeskanzlers, liegt mit seiner Vermutung daneben. Es gibt nur eine Sache, die die Deutschen zu solch einer nationalen Massenbegeisterung aufblühen lässt: der Sport, um genauer zu sein, die FIFA- Weltmeisterschaft im Fußball. Geht es wieder um sportlichen Ruhm und Ehre, werden die Deutschen zu überzeugten Patrioten, vergessen all politische Unzufriedenheit und sonstigen Missstände ihres Landes und schreien die deutsche Nationalhymne mit Hand auf dem Herzen. Die ersten Zeilen der Strophe gehen ihnen noch einfach über die Lippen, ab der fünften Zeile gibt es dann schon einige Texthänger. Doch man darf es ihnen nicht übelnehmen, sie sind  eben nicht so gut in Form, nach vier langen Jahren hat man den Text der Hymne halt mal schnell wieder vergessen. Was mit dem deutschen Nationalgefühl in der Zeit zwischen sämtlichen internationalen Sportevents passiert, weiß niemand so genau – es hält sich auf jeden Fall eher dezent im Hintergrund und lässt Platz für Äußerung von politischer und gesellschaftlicher Unzufriedenheit oder Neutralität. Vor allem im Vergleich zu anderen Ländern, wie den Vereinigten Staaten von Amerika, wirkt das Verhältnis der deutschen Bevölkerung zu ihrem Vaterland verkrampft. Um sich den zwei verschiedenen Auffassungen vom Stellenwert des Patriotismus beider Länder bewusst zu werden, reicht beispielsweiser ein kleiner Trip durch Nordamerika. Ob in Klassenzimmern, Tankstellen oder selbst Kirchen - die massive Anzahl an weiß-rot-blauen Flaggen scheint überwältigend und für deutsche Touristen ist dieses dauerhafte und leicht hartnäckige Aushängen von nationalem Stolz vor allem eines: befremdlich. Wir sind es dann schon eher gewöhnt, wenn deutsche Nachwuchspolitiker der Grünen Jugend zum Boykott gegen Patriotismus und Fahnenverzicht aufrufen und das auch noch zu EM- oder WM- Zeiten, eine unserer wenigen patriotischen Blütephasen. Warum die deutsche Bevölkerung mit dem Hissen ihrer Landesfahne bisweilen zögert, hängt um bedeutendsten Teil an unserer geschichtlichen Vergangenheit, den nationalistischen Exzessen und Enttäuschungen zweier Weltkriege. Vor allem der Begriff Nationalismus, wird oft mit den Verbrechen des Nationalsozialismus während des zweiten Weltkrieges in Verbindung gebracht und ist im Gebrauch eher negativ konnotiert, ganz zu schweigen von Begriffen wie „Volksgemeinschaft“, ein plötzlich durch die NS-Ideologie verfängliches Kompositum aus zwei an sich unverfänglich bis positiv besetzten Worten. Dabei hat Patriotismus eigentlich wenig mit radikalem Gedankengut zu tun. Vielmehr wird der Begriff definiert durch eine angemessene, emotionale Verbundenheit mit der eigenen Nation, was vor allem auf ethnischer, kultureller und politischer Ebene erfolgen kann. Bekennt man sich also zu einem Verfassungspatriotismus oder einem kulturellen Patriotismus, hat dies weniger mit den nationalen Katastrophen der historischen Vergangenheit zu tun. Denn die Verfassung ist jünger und die Kultur älter als die Katastrophenzeit der nationalsozialistischen Ideologie. Kultur- und Verfassungspatriotismus sind also nicht so historisierend, sondern eine Identifikation mit Werten, welche man heute schätzt. Sei dies, die Zuneigung zur Vielfalt in der Bevölkerung, der Rechtsverfassung, dem deutschen Bier oder der Nationalelf. Somit bieten gerade Sportevents als emotionale Höhepunkte alle paar Jahre die Möglichkeit, die im Alltag offenbar wenig erfahrbare, unverkrampfte nationale Zusammengehörigkeit ausgelassen zu feiern, gemeinsam mit seinem Team zu fiebern und sich nach einem möglichen Sieg sogar von einem patriotischen Stolz gepackt zu finden. Übrigens ist für die meisten der tausenden Stadionbesuchern das Gefühl von Einigkeit und Geselligkeit als Nation vor allem das, was den internationalen Sport zudem macht was er ist. À propos Einigkeit, offensichtlich lohnt es sich also selbst als temporärer Party-Patriot die letzten paar Zeilen der Nationalhymne einigermaßen drauf zu haben.