Was ist Glück?

Was ist eigentlich Glück? Wer hat Glück? Nachdenkliche und amüsante Antworten auf diese Fragen liefert dieser Essay als Gastbeitrag von einem Elftklässler.

„Viel Glück!“

hörte ich heute Morgen noch, als ich unter Ankündigung meiner nahenden Deutschklausur, ebendieser hier, aus dem Haus ging. „Viel Glück“ brummte der Mitschüler, mit dem ich das Schulgebäude betrat, zum Abschied. „Viel Glück!“ rief mir im Inneren ein anderer Schüler zu. „Viel Glück!“ hörte ich, als ich das Klassenzimmer betrat; „Viel Glück“, als die Aufgabenblätter ausgeteilt wurden, mehrfach, und noch ein letztes Mal, als alle zu schreiben begannen, gezischt, aus der Reihe hinter mir: „Viel Glück!“. Weshalb diese Wünsche? Wofür Glück? Wobei, das ist klar, beim Verfassen meiner Klausur, doch brauche ich dabei Glück? Haben alle anderen, Mitschüler, Eltern, Verwandte, so wenig Vertrauen in meine Fähigkeiten, dass sie meinen, ich hätte es nötig, könnte etwas Glück ganz gut gebrauchen, denn sonst sähe es wohl düster aus mit meinem Aufsatz? Fast fühle ich mich versucht zu schreien: „Nein! Ich will euer Glück nicht, behaltet es! Ich brauche kein Glück, ich kann das auch ohne!“ Oder ist es, in seiner dahingebrabbelten Bedeutungslosigkeit nur der Wunsch, ich möge kein Pech haben (denn schließlich weiß jeder, wie leicht Pech einem eine Note prachtvoll verpatzen kann)? Doch wozu dann? Wenn ich solches Pech hatte, so haben diese Wünsche doch nie geholfen. Oder erwarten sie, dass diese Wünsche mich glücklich machen? Wohl offensichtlich nicht. Wie sollte mich Glück glücklich machen?

 

Spätestens hier

wird einem die Ambivalenz des Glücksbegriffes in der deutschen Sprache bewusst. Auf der einen Seite das Glückhaben, wie es einem in gedankenloser Selbstverständlichkeit – einem Ritus gleich, der unsere Gesellschaft traditionsbeladen durchzieht – zeremoniell vor jeder Prüfungs- oder ähnlichen Situation zugesprochen, ja gewünscht wird. Es beschreibt den Zufall, und doch mehr, einen bestimmten Verlauf desselben, zu Gunsten einer Person. Das Glück, dieses schweinsgesichtige, schornsteinfegerrußige, kleeblattverhangene Abstraktum, das genauso gut göttlicher Wille, mathematische Wahrscheinlichkeit sein kann oder gar ominöses Schicksal; dieses Glück also soll jemandem hold sein. Oder hold gewesen sein, man bedenke nur das abwertende „Der hat doch nur Glück gehabt“, das man bei der Nennung von Erfolg oder Erfolgreichen immer wieder hört.

 

Auf der anderen Seite

steht diesem Wirrwarr der klare Begriff „Glücklichsein“ gegenüber. Diesen Seelenzustand wollen wir. Es ist eigentlich egal, was du tust. Bist du glücklich damit? Na dann ist gut. Schon schwerer zu beantworten ist diese Frage, wenn man sie verkürzt. Bist du glücklich? Hm, weiß nicht. Na sag doch! Irgendwie schon. Gut! Ja. Glückwunsch! Hm. Du Glücklicher! Wir wissen es eigentlich nicht. Und deshalb brauchen wir, was wir immer brauchen, wenn wir etwas nicht wissen: Lehren! Sie geben uns Antworten. Bei der Glückslehre ganz vorn mit dabei ist hier Siddhartha Gautama oder „Buddha“, der Mönch, der vor Tausenden von Jahren die Erleuchtung hatte. Und nicht zufällig sieht er aus wie ein Marzipanschweinchen, das grinst wie ein Honigkuchenpferd. Er weiß, wie man glücklich wird. Und wie mit allen fernöstlichen Lehren lässt sich auch mit seiner wunderbar Geld machen. Nicht, dass ich alle diese oasenhaften Wellnesstempel verurteile, doch wenn man meint, man kann für 30€ eine Stunde lang glücklich massiert werden, dann wird aus der Glückslehre ganz schnell eine Glücksleere.

 

Suchen wir uns lieber eine europäische, modernere Lehre. Am besten von einem berühmten Mann, dessen Nachname schon etwas nach Glück klingt: Sigmund Freud. Für ihn ist Glück gleich Lust. Und Lust ist die Abwesenheit von Schmerz und Leiden. Bis hierhin hatten es die Epikureer der Antike auch schon geschafft. Böse Zungen könnten sagen, das hat Freud nur geklaut, aber es geht noch weiter: Wie man es von Freud nicht anders kennt, ist die Sexualität Kernthema und zudem das, was uns zur Lust führt. Und dabei erfüllt sie auch noch einen Zweck! Praktisch! Nicht so sehr, denn im Alltag ist sie doch eher unpräsent. Außerdem ist sie nach Freud der wirklich einzige Weg zum Glück. Und dazu noch lediglich als „episodisches Phänomen“ erlebbar. Momentanes Vergnügen also, doch nicht auf lange Sicht geplant. Freud und Leid liegen hier also nahe beisammen.

 

Na gut.

Es gibt ja noch etwas, was wir zu Rate ziehen können, wenn uns Dogmen nicht helfen: die Wissenschaft. Für Karl Eibl ist Glück Entspannung, psychisch wie körperlich. Und damit erfüllt es einen Zweck, es ist das Gegengewicht zu Stress, der uns naturgemäß immer wieder heimsucht und dessen negative gesundheitliche Wirkung ja weithin bekannt ist.

Daher bescherte die Evolution vor allem den Wirbeltieren diese Fähigkeit. Gehen wir noch tiefer in diese Materie, so fällt auf, dass Glück vor allem chemisch entsteht, als Kombination der drei Stoffe Serotonin, Dopamin und Adrenalin. Vereinfacht gesagt sind sie ein Belohnungssystem für einzelne Erlebnisse: Serotonin belohnt langfristiges, ruhiges Glücklichsein, Dopamin belohnt stoffliche Befriedigung, wie etwa Nahrung oder auch Drogen, und Adrenalin belohnt Spaß und Action. Gibt es also verschiedene Arten von Glück? Nicht ganz, denn theoretisch erinnert Glück chemisch an Omas guten Plätzchenteig: Die Mischung macht’s. Und die kennt keiner so genau. Jedoch funktioniert dieses System, anders als viele frühere Theorien, nach denen Glück erlernbar sei, bereits von der Geburt an. Vom ersten Glücksglucksen an also. Allerdings ist Glück dann nur die Befriedigung von Bedürfnissen und das schließt Abhängigkeiten und Süchte mit ein.

 

Gottfried Benn

beschreibt in seinem Gedicht „Einsamer nie“ Glück zwar als ebenfalls recht weltlich, als „Rausch der Dinge“ und „im Weingeruch“, doch er redet auch vom Geist als „Gegenglück“. Und so ganz passt all dieses Biologische auch nicht zu unserer romantischen Vorstellung von Glück, oder?

 

„Jeder muss sein Glück allein finden!“ schreit nun der revolutionäre Individualist in uns allen, und hat er nicht irgendwo recht? Ist Glück überhaupt beschreibbar, messbar? Ist es nicht vielmehr etwas, das bei keinem gleich ist und über das man von Mensch zu Mensch gar keine Angaben machen kann? Man ist versucht, ja zu sagen. Bis man die Statistik konsultiert, die, wie zu jedem Lebensbereich, auch hierzu schon ein Institut in vorauseilendem Gehorsam angefertigt hat. Laut ihr lässt sich für 71% der Deutschen ein Großteil des Glücks als eine wundervolle, alliterationsgeladene Gleichung ausdrücken: Gute Gesundheit = ganz großes Glück. Genial. Das ist alles? Natürlich folgen als weitere Faktoren Freunde, Sicherheit, Geld,…, doch als Basis sollte Gesundheit reichen. Noch einfacher macht es uns der vielzitierte Schopenhauer: Ihm zufolge ist schon der glücklich, dem nicht langweilig ist. Hierzu kann ich nur sagen, dass ich bereits mehr als häufig überglücklich mit meiner Langeweile war und jeder Schüler, der wie ich die Torturen stressiger Klausurenphasen durchlitten und mit dem Segen entspannter, von gepflegter Langeweile geprägter Sommerferien verglichen hat, wird mir aufs Heftigste zustimmen.

 

Gehen wir es doch einmal anders an.

Das jetzige Glück ist vergänglich, nicht greifbar und entgleitet unserer Definition. Doch was ist mit vergangenem Glück? Ist es nicht, in die persistenten Marmorplatten unserer Erinnerung gehämmert, absolut? Man sollte es meinen. Und wahrhaft lassen sich die einzelnen Ursachen des vergangenen Glückes verhältnismäßig leicht heraufbeschwören, doch eine Regelmäßigkeit herauszukristallisieren, das gelingt den wenigsten. Hinzu kommt, dass diese gemeißelten Erinnerungen wohl eher in Knetgummi gehauen wurden als in Stein; sie verändern sich stetig und kaum etwas bleibt. Ernst Jünger formuliert sehr schön, es „treten im Nachglanz die Bilder lockender hervor“ und stellt fest, wir sehen vergangenes Glück in „höherer und geistigerer Pracht“. Auch Hannes Wader sagte einst: „Je weiter die Erinnerungen zurückliegen, desto rosiger färben sie sich ein. Das ist ein barmherziger Trick der Seele, der es einem erlaubt, auch wenn man seinen Lebtag nur Scheiße gebaut hat, am Ende auf ein erfülltes Leben zurückzublicken.“ So gesehen wird uns Glück la letztendlich erst durch seinen Verlust bewusst (auch das eine Einschätzung die Ernst Jünger ebenfalls vornahm). Doch wo bleibt hier der individuelle Aspekt des Glücks? Und wo bleibt Freuds „Glück des Moments“? Man sieht schon, eine lehrbuchhafte Lösung lässt sich kaum finden.

 

Meiner Meinung nach entsteht Glück aus der Situation und den Umständen desjenigen, der es erlebt. Wer nie viel zu essen hatte, der ist glücklich über eine ausgiebige Mahlzeit. Wer ein Kind vermisst hat, der ist glücklich, wenn es zurückkehrt. Wer jahrelang auf ein Auto gespart hat, ist glücklich, wenn er es endlich nach Hause fahren darf. Ein Familienvater, der stundenlang Kinderfilme ansehen musste, ist abends glücklich über ein gutes Buch. Ein Fabrikarbeiter, der eine lange Nachtschicht hinter sich hat, ist glücklich, wenn er endlich schlafen kann. Bei so vielen Möglichkeiten werden wir – mit etwas Glück – wohl alle immer mal wieder Glück empfinden.

 

Die Floskel „Viel Glück!“

habe ich nie genauso erwidert. Stattdessen verwendete ich stets die grammatikalisch fragwürdige Formulierung „Viel Können!“, den grauenhaften, anglizismusgestützten Reim „Viel Skill!“ oder die sarkastische Aufmunterung „Viel Spaß!“. Doch blickt man im Geiste (durch die rosarote, Ernst Jüngersche bzw. Hannes Wadersche Brille der Erinnerung) zurück auf all die Aufgabenblätter, die in 12 Jahren Schulbildung vor einem lagen, so fällt einem eine Alternative auf, die das einzige darstellt, was vor einer Prüfung zu wünschen sinnvoll ist: „Viel Erfolg!“. Und diese Formulierung haben Prüfer schon lange entdeckt – zum Glück.