Superlehrer? Super, Lehrer!

Maria Jaklitsch, die frühere Schulleiterin des Günter-Stöhr-Gymnasiums, über Roboter im Unterricht, Charisma und Begabung hinter der Klassentür, gutaussehende Lateinlehrer und ihren Tipp für Eltern zum Umgang mit Pädagogen.

Ein Stöhrenfried-Gespräch.

STÖHRENFRIED: Frau Jaklitsch, erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Auftritt als Lehrer vor einer Schulklasse? Erzählen Sie uns davon!

JAKLITSCH: Es war in meiner Referendarzeit am Luitpold-Gymnasium, München, in einer 6. Klasse. Alle Mit-Referendare, der Direktor und der Fachbetreuer für Deutsch saßen außen herum, die Schüler (etwa 30 Buben) saßen in Hufeisenform, d.h. sie konnten sich gegenseitig anschauen. Ich war 24 Jahre alt, hatte aus eigenem Interesse Deutsch und Theologie studiert - und habe erst nach dem Staatsexamen realisiert, dass mein Studium bedeutete, Lehrerin zu sein. So ging ich - ausgerüstet mit dem frischen Wissen, wie man eine Stunde aufbaut und dass man dauernd auf die Uhr schauen muss - daran, eine Stunde mit dem "Lesebuch" zu halten. Auf einmal begann ein Schüler, dann ein anderer, dann - weil sie sich so gut sehen konnten - immer mehr, die Seiten ihres Lesebuchs locker nach innen umzuschlagen, so dass die Bücher wie ein Fächer aussahen. Und alle schauten neugierig, was ich sagen würde, einschließlich der anderen Referendare und der beiden Lehrer. Ich merkte, dass niemand von alleine damit aufhören würde, ich hätte wahrscheinlich früher eingreifen sollen. Kein einziger passender Lehrersatz fiel mir ein, kein Witz, kein kluger Gag, kein so richtig ermahnender Satz, der meine Autorität gezeigt hätte. Aber ich musste etwas sagen. So hab ich was Ähnliches gesagt wie "Jetzt müsst ihr mit dem Spielen aufhören, damit wir wieder ins Buch schauen können." Also ein bisschen banal. Zu meiner Verblüffung hörten sie darauf - wahrscheinlich wegen der anwesenden anderen Lehrer und wegen des Direktors. Die Hilflosigkeit vor solchen Situationen ist mir immer geblieben - auch dass mir keine schlagfertigen Sätze, keine Tricks etc. einfielen. Am liebsten habe ich unterrichtet, wenn man auch in einer größeren Klasse normal miteinander reden konnte. Und mir wurde klar, dass ich als Lehrer dafür zuständig bin, d.h. so eine Atmosphäre selbst herstellen und erhalten muss, auch wenn es oft nicht gelingt. Aber jede einzelne Stunde ist glücklicherweise ganz neu.

 

STÖHRENFRIED: Der Titel eines Buches des Pädagogen Bernd Stötzer heißt „Der Superlehrer“. Gibt es einen solchen Lehrertyp überhaupt?

JAKLITSCH: Auch darauf weiß ich keine rechte Antwort. Wenn Lehrer mit ihren Schülern einen gemeinsamen Weg gehen, gemeinsam Interesse an neuen Erkenntnissen haben, miteinander auch immer wieder "schwer arbeiten" - wenn Lehrer Personen sind, die große Achtung und Respekt vor jeder anderen Person, auch vor jedem ihrer Schüler haben, sachlich bleiben, nicht alles auf sich beziehen, die gleiche Achtung auch ihren Schülern abverlangen - wenn sie etwas Humor und Zuversicht verbreiten und Mut machen, wenn etwas vermurkst war ... Ich hoffe, dass es viele davon gibt!

 

STÖHRENFRIED: Angeblich, das ergab jedenfalls das Ergebnis einer Umfrage, erinnern sich Schüler gerade mal an fünf Prozent ihrer Lehrer. Woran mag das liegen?

JAKLITSCH: Vermutlich ist es sinnvoll, dass es Statistiken gibt. Im Einzelfall ist es aber wahrscheinlich sehr unterschiedlich, woran man sich erinnert. Ich nenne einmal ein Beispiel aus meiner eigenen Schulzeit: Wir hatten einen Lateinlehrer, gut aussehend (ich war an einer Mädchenschule, da spielt das eine große Rolle), sehr kommunikativ, sehr beliebt und umschwärmt. Es sollte in unsere Klasse ein neuer junger Lateinlehrer kommen. Da erwähnte einmal unser "toller" Lehrer, dass er den kenne und machte dazu eine diesen sehr beschämende Bemerkung. Die ganze Klasse grölte, der Neue hatte schon vor seinem Einsatz kaum eine Chance. Da der ältere Bruder meiner Freundin diesen neuen Lehrer als einen Mann mit einem beeindruckenden Wissen kennengelernt hatte, waren meine Freundin und ich empört. Ab da konnte mich die "Superlehrer-Art" unseres Lateinlehrers nicht mehr beeindrucken. Es ging ja auf Kosten anderer. Wahrscheinlich können sich die meisten meiner Mitschülerinnen an diesen famosen Lehrer nicht mehr erinnern - dass ich mich erinnere, liegt nur an einer einzigen Bemerkung und an meiner Freundin, die mich darauf aufmerksam gemacht hat. So erinnert man sich anscheinend vor allem an persönlich haftende Momente. Bei mir sind es bestimmt mehr als fünf Prozent. Weswegen es durchschnittlich "nur" fünf Prozent sind, könnte daran liegen, dass die Schule und was da geschieht, als Parallel-Veranstaltung neben dem eigenen Leben wahrgenommen wird.

 

STÖHRENFRIED: Unter Lehrern – wie in anderen Berufen wohl auch – gibt es Dauerkranke, Totalgestresste und immer Schlechtgelaunte. Sind das alles Opfer widriger Rahmenbedingungen oder hapert es hier an der jeweiligen Persönlichkeit?

JAKLITSCH: So eine Situation erfahren die meisten Lehrer zu Beginn ihrer Laufbahn als Referendare. Ich habe es selbst erlebt und bei mehreren Personen an verschiedenen Schulen, an denen ich war. Nach dem Studium ist man schnell überfordert von der Realität, was alles gleichzeitig in einer Schulstunde geschehen soll:

Guter Redner sein, auf jeden der vielen einzelnen Schüler achten, den einen ermahnen, den anderen ermuntern, den Stoff in einem gewissen Tempo vermitteln, den roten Faden nicht verlieren, nicht zu langweilig sein, nicht zu kindisch, nicht zu betulich, nicht zu arrogant, nicht zu

 

 

 ängstlich etc. Von allen Seiten Erwartungen und Beurteilungen, manchmal Lob, viel Kritik, auch von den Vorgesetzten. Wahrscheinlich sind Berufsanfänger immer konfrontiert mit der Konkretheit der Anforderungen und mit der Verantwortung für alles, was sie vermasseln können. Eine große Hilfe ist, wenn man in dieser Situation nicht allein ist, wenn jemand anderer einen Weg aus dem Schlammassel zeigt. Manche erleben schwierige Situationen immer wieder einmal, manche - hoffentlich wenige - dauerhaft. Dann wäre vielleicht besser, eine andere Berufsausübung zu wählen anstatt zu verbittern. Berufsanfänger sollten aber erst einmal ernsthaft ausprobieren und Neues lernen, nicht gleich aufgeben - zusammen mit ihrer Ausbildung hilft ihnen dann ihre eigene Erfahrung, die Situation ihrer Schüler zu verstehen. Die meisten Lehrer waren gute Schüler - es fehlt ihnen oft die Erfahrung, wie es ist, wenn jemand sich quälen muss mit dem Lernstoff. Also - die es selbst nicht ganz leicht hatten, könnten besonders gute Lehrer

sein.

Zur Frage, ob Rahmenbedingungen oder Persönlichkeit Stress etc. verursachen? Beides kann sein - besser ist, wenn es nicht so bleibt, besser für den Lehrer selbst, besser für seine Schüler, besser für alle, die mit ihm zu tun haben, beruflich oder privat.

 

STÖHRENFRIED: Wie wichtig sind Charisma und Begabung bei einem Lehrer?

JAKLITSCH: Es macht sehr viel aus, ob ein Lehrer gern, auch nach außen spürbar gern, seinen Beruf ausübt. Das kann an einer gewissen Neigung und am Interesse für sein Fach liegen. Es kann auch Freude am Umgang mit Schülern und am Lehren sein. Aber auch wenn er aus rein praktischen oder anderen Gründen den Beruf wählt (ohne ersichtliches Charisma dafür) und dann versucht, ihn sachgerecht auszuüben - er kann ein "guter" Lehrer sein, falls er lernfähig und nicht zu unbeweglich ist.

 

STÖHRENFRIED: „Lehrer ist der beste Beruf der Welt“ – Würden Sie diesen Satz unterstreichen?

JAKLITSCH: Für mich schon.

 

STÖHRENFRIED: Jammern Sie mit uns doch ein wenig! Die Schüler von heute werden immer schwieriger, oder?

JAKLITSCH: Für diese Art Jammern bin ich zu alt. Ich habe eine Generation Schüler erlebt um 1968 herum, die rebellierten, die die Abiturfeierverweigerten und Flugblätter verteilten: "Neun Jahre Gefängnis - da gibt's nichts zu feiern". Ich habe etwas später in der" Blumenkinderzeit" ganze Abiturjahrgänge erlebt, die nicht wussten, sollen sie nach dem Abitur nach Indien pilgern oder sich einer alternativen Landkommune anschließen oder etwas nie Dagewesenes ausprobieren - auf keinen Fall kam in Frage, einen normalen Beruf zu ergreifen. Seit es das GSG gibt - vielleicht bin ich da zu sehr selbst hineinverwickelt - finde ich fast alle Schüler genau so richtig wie sie sind und staune über ihre Vielfalt und immer wieder über ihre Kreativität.

 

STÖHRENFRIED: Immerhin sollen Lehrer pro Unterrichtsstunde durchschnittlich 200 Entscheidungen treffen und durchschnittlich 15 Konfliktsituationen bewältigen. Verdienen Lehrer da nicht zu wenig?

JAKLITSCH: Pro Minute etwa vier Entscheidungen? Und alle drei Minuten ein Konflikt? Ist das nicht etwas übertrieben? Manche Situationen sind wirklich nicht leicht und können sich sogar lange hinziehen. Bei manchen anderen Berufen scheint mir das allerdings auch so zu sein. Die Bezahlung ist in Deutschland geringer als in der Schweiz und viel höher als in Italien - nähern wir uns lieber der Schweiz an!

 

STÖHRENFRIED: Was wäre Ihr wichtigster Tipp für Eltern im Umgang mit Lehrern?

JAKLITSCH: Sich als Bundesgenossen sehen auf das eigene Kind hin. Da dessen Bildung im weitesten Sinn beider Anliegen ist, könnte man sich darüber gut verstehen.

 

STÖHRENFRIED: Und zum Schluss: Hat der Beruf Lehrer überhaupt Zukunft? In Zeiten von immer mehr Digitalisierung wäre es doch vorstellbar, auf die Anwesenheit eines Lehrers in der Schule zu verzichten.

JAKLITSCH: Roboter könnten vielleicht schon programmiert werden zu sagen: "Falsch."- "Richtig." - "Du musst lauter sprechen." - "In ganzen Sätzen." Und Videos gibt es bereits, wo sympathische Moderatoren in verschiedene Lerngebiete einführen oder ungeahnten Wissensstoff anschaulich bringen. Vielleicht weiß man aber auch in Zukunft, dass die Begegnung mit lebendigen Personen nicht zu ersetzen ist. Vor Jahren waren "Sprachlabore" der letzte Schrei - dafür wurde sehr geworben. Inzwischen ist es stiller darum geworden. Und man entdeckt in Untersuchungen wieder die Person des Lehrers als entscheidend für das gelingende Lernen eines Kindes oder eines Jugendlichen.

 

STÖHRENFRIED: Frau Jaklitsch, wir danken für dieses Gespräch.