"Wäre gern mehr Streber gewesen"

Professor Dr. Achim Buckenmaier über das Besondere am GSG, ruhige Kugeln unter Lehrern, sein Denken über’s Sitzenbleiben und was Papierflieger mit der Schule der Zukunft zu tun haben. Ein Stöhrenfried-Gespräch mit dem obersten Aufsichtsrat des Sankt Anna Schulverbunds.

STÖHRENFRIED: Grüß Gott Herr… Wie dürfen wir Sie eigentlich korrekt ansprechen?

BUCKENMAIER: Hallo. „Herr Buckenmaier“ ist o.k.

 

STÖHRENFRIED: Als Professor haben Sie sicher schon viele eigene Texte geschrieben. Verraten Sie uns die Themen Ihrer Promotion bzw. Habilitation?

BUCKENMAIER: Meine Doktorarbeit habe ich über das Zweite Vatikanische Konzil geschrieben, das von 1962 bis 1965 stattfand. Forschungsgegenstand war, wie eine bestimmte Frage, die auf dem Konzil diskutiert und neu beantwortet worden war, anschließend in der Theologie aufgenommen wurde. In der Habilitation ging es ebenfalls um eine Verhältnisbestimmung, um die zwischen der Universalkirche und den vielen Ortskirchen, also unter anderem zwischen Papst und Bischöfen in der katholischen Kirche. Es gab darüber eine heftige theologische Debatte, an der auch spätere Papst Benedikt beteiligt war. Das war spannend, und ich habe versucht, neue Antworten zu finden.

 

STÖHRENFRIED: Einige Schüler, besonders in den unteren Jahrgangsstufen, haben sich schon oft gefragt, wer Sie sind und was Ihre Aufgabe bei uns an der Schule ist. Sie sind ja nur ab und zu hier, oder?

BUCKENMAIER: Ich bin hier als Aufsichtsrat. Der Aufsichtsrat, zur Zeit fünf Personen, hat die Aufgabe, die Geschäftsführung zu kontrollieren und zu beraten. Das geht besser, wenn man öfter vor Ort ist, also hier am Gymnasium, aber auch gelegentlich an der Reinhard-Wallbrecher-Schule.

 

STÖHRENFRIED: Wie wird man Aufsichtsrat? Haben Sie sich dafür beworben?

BUCKENMAIER: Nein, ich wurde berufen.

 

STÖHRENFRIED: Als Aufsichtsratsvorsitzender kommt Ihnen sicher eine große Verantwortung zu und Sie haben bestimmt einen ganz speziellen Blick auf diese Schule.

BUCKENMAIER: Ja, unser Blick ist mehr aufs Ganze, wobei wir uns deswegen auch für Details des Schulalltags interessieren. Wir versuchen zu helfen, dass Gymnasium und Grundschule das realisieren, was ihr Auftrag ist, also in Kürze: sehr gute Schulen zu sein.

 

STÖHENFRIED: Was macht das Günter-Stöhr-Gymnasium für Sie besonders?

BUCKENMAIER: Wenn man etwas auf das Äußere schaut, muss ich sagen, dass mir drei Dinge immer auffallen: der tolle Park. Am schönsten ist dieser, wenn ich die Schülerinnen und Schüler sehe, die in der Pause herumrennen oder etwas spielen, oder auch auf den Bänken plaudern oder ein Buch lesen. Das hat eine ganz eigene Atmosphäre, die man vielleicht sonst an Schulen nicht so kennt. Dann das prima Essen. Und auch die Schulkleidung. Für Schüler ist das vielleicht manchmal schwierig, wenn man etwas anhat, was nicht den Regeln entspricht, aber unterm Strich ist es ganz gut eingehalten und gibt eben eine Gesamtstimmung, die für das Lernen vorteilhaft ist. Diese Rahmenbedingungen sind unserer Meinung nach wichtig.
Dann fällt mir auf, dass die Lehrer versuchen, auch miteinander zu arbeiten, auch dazuzulernen. Und nicht zuletzt sind es die Schüler, die einem auffallen: Obwohl es auch Probleme, Ärger oder Streitereien gibt, bin ich oft erstaunt, wie lustig es zugehen kann und auch, wie höflich und aufmerksam die Schülerinnen und Schüler sind. Das ist etwas absolut Besonderes, und das höre ich auch manchmal von Besuchern oder interessierten Eltern, die herkommen.

 

STÖHRENFRIED: Zur Schule gehören natürlich Lehrer, ohne die es nicht geht. Der renommierte Bildungsforscher John Hattie sagt, dass das Wichtigste für den Lernerfolg von Kindern ein guter Lehrer sei. Stimmen Sie zu?

BUCKENMAIER: Ja, wenn Ihr das, was ich eben sagte, dazu nehmt. Und natürlich gehört dazu, dass die Schüler lernen wollen. Ohne das kann auch ein guter Lehrer wenig machen…

STÖHRENFRIED: „Ein guter Lehrer“ – Was muss dieser in Ihren Augen können?

BUCKENMAIER: Ein guter Lehrer, würde ich sagen, mag seinen Beruf, auch wenn es hin und wieder mühselig ist. Das heißt: er gibt gern Wissen und Erfahrung weiter und deswegen mag er auch seine Schüler. Thomas von Aquin, ein theologischer Lehrer im Mittelalter, sagt: ein guter Lehrer muss die Wahrheit vor Augen haben und zugleich die Menschen vor Augen haben. Sonst wäre er nur Forscher oder Wissenschaftler. Das ist auch o.k., aber Lehren ist es eben noch etwas anderes. Als Lehrer, besonders am Gymnasium, ist es wichtig, jeden Schüler als eigenständige Person ganz ernst zu nehmen und seine Selbständigkeit zu fördern. Das muss auch in dem zum Ausdruck kommen, wie der Lehrer den Schülern begegnet, wie er mit oder über sie spricht und so fort.

 

STÖHRENFRIED: Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder hat einst den Satz geprägt, wonach Lehrer „faule Säcke“ seien. Einer Studie zufolge arbeiten manche Gymnasiallehrer 3500 Stunden im Jahr, anderen genügen 950 Stunden. Woran liegt das und wie sehen Sie das Lehrerpersonal am GSG?

BUCKENMAIER: Dass es Leute gibt, die eine ruhige Kugel schieben, passiert überall. Vielleicht liegt das schlechte Image auch etwas an der Verbeamtung der Lehrer im öffentlichen Schulsystem. Da kann man es sich eventuell eher bequem machen. Aber ob da dem Lehrer der Beruf noch Freude macht? Ich sehe bei uns ziemlich engagierte Lehrer. Mir gefällt, dass wir viele jüngere Leute haben, aber auch erfahrene, langjährige Lehrer. Dass bei uns niemand mit 50 Jahren wegen Burnout ausscheiden muss oder dass es bei uns keine Fehlzeiten gibt, weil die Leute ausgebrannt sind, ist ein gutes Zeichen für das Günter-Stöhr-Gymnasium. Dazu tragen natürlich auch die Eltern bei, die für uns nicht Gegner sind, sondern Partner, und die umgekehrt in den Lehrern auch keine Bummler sehen, sondern Personen, die eine wichtige Aufgabe haben und so in ihrem Prozess der Erziehung mitarbeiten. Das ist schon eine enorm andere Einstellung als die des früheren Kanzlers. 

 

STÖHRENFRIED: Wie waren Sie in der Schule? Streber oder unauffälliger Hinterbänkler?

BUCKENMAIER: Ich war gut in der Schule. Für einen Streber habe ich aber zu viele andere Interessen gehabt. Wenn ich zum Beispiel den Sprachunterricht am Günter-Stöhr-Gymnasium heute sehe, bedauere ich, dass wir im Vergleich dazu ziemlich wenig Förderung hatten. Da wäre ich gerne etwas mehr Streber gewesen, weil ich das später alles nachholen musste.

 

STÖHRENFRIED: Sind Sie einmal sitzengeblieben?

BUCKENMAIER: Nein.


STÖHRENFRIED: Der Bildungsforscher an TU München, Manfred Prenzel, plädiert für einen Mentalitätswechsel beim Thema Sitzenbleiben. Es gebe keinen guten Grund, Schüler ein Jahr wiederholen zulassen. Unterstützen Sie das?
BUCKENMAIER: Das sind pädagogische Details, in denen ich mich nicht so auskenne. Im Prinzip finde ich es keine Katastrophe, wenn man etwas, was nicht gelingt, nochmals wiederholen kann. Leider wird das oft als Strafaktion verstanden oder als Versagen. So sollte sich kein Schüler, der sitzenbleibt, sehen und auch die anderen, auch die Eltern, sollten das nicht denken.

 

STÖHRENFRIED: Beschreiben Sie uns doch zum Schluss, wie für Sie Schule in 30 Jahren aussieht? Zum Beispiel ganz ohne Papier?

BUCKENMAIER: Ohne Papier wird es nicht gehen. Aus was sollte man dann die Papierflieger machen? Aber im Ernst: In den letzten dreißig Jahren, also jetzt seit 1986, hat sich die Schule natürlich sehr verändert, vor allem durch die Möglichkeiten des Internet und aller digitaler Kommunikation. Das hat alle Fächer und Bereiche verändert. In den kommenden dreißig Jahren wird sich die Schule ähnlich stark wandeln. Aber ich glaube nicht, dass alles nur noch digital stattfinden wird. Und auch ein völlig virtueller Unterricht wird nicht die Zukunft sein, selbst wenn wir noch viel mehr mediale Möglichkeiten entdecken werden. Etwas in der Hand zu haben und mit anderen Menschen konkret zusammen zu sein und gemeinsam zu lernen, das wird immer zur Schule gehören.

 

STÖHRENFRIED: Herr Professor Buckenmaier, wir danken Ihnen für das Gespräch!

BUCKENMAIER: Bitte sehr. Danke für die interessanten Fragen. Alles Gute!