Das Meer oder wir

Pures Piraten-Abenteuer. Eine Kurzgeschichte aus der 8. Klasse.

Der Bug der „Santa Maria“ hob und senkte sich im Takt der Wellen. Die schlanke Brigg durchschnitt scharf wie ein Schwert das türkisfarbene, karibische Meer. Eine kühle Brise wehte und ließ die falsche Flagge Spaniens oben am Mast flattern. „Komm schon, zeig dich. Hier wird es doch wohl irgendwo ein Handelsschiff geben!“, dachte Felipe Alvarot, der spanische Kapitän des Piratenschiffs. Unruhig suchte er den Horizont mit dem Fernrohr ab. Doch außer blau-grünem Meer, spritzender Gischt und leicht bewölktem Himmel war nichts zu sehen.

„Was bin ich doch nur für ein Versager“, schimpfte sich Felipe selbst. Seit zwei Monaten war er Kapitän, und seit zwei Monaten suchten er und seine Männer vergeblich nach Beute. Er versank ins Grübeln und beobachtete seine Crew. Diese Männer, alle aus verschiedenen Teilen der Erde, wie sie da ruhig für ihn arbeiteten, würden ihn sehr bald wieder absetzten, wenn er nicht bald ein Schiff finden würde, was sie Plündern konnten. Beunruhigt sah er zum Himmel hinauf. Graue Wolken sammelten sich an, und verdeckten den sonst klaren, blauen Himmel. Ein Sturm braute sich zusammen.

Auf einmal durchschnitt ein gellender Schrei das Schweigen an Bord. Felipe sah auf. Der Matrose oben im Krähennest deutete hektisch nach Backbord. Der Kapitän hob sein Fernrohr. Tatsächlich! Da war ein Segel. „Sofort beidrehen und Verfolgung aufnehmen!“, brüllte Felipe und ließ seine Piratenflagge hissen. Die „Santa Maria“ wendete und steuerte auf das Segel zu. Schnell nahm die schlanke Brigg Fahrt auf und flog wie ein Vogel über die Wellen. Beim Näherkommen erkannte Felipe, dass es sich um eine dicke, schwerfällige, spanische Galeone handelte. Der Kapitän freute sich. Seine „Santa Maria“ war viel schneller, außerdem hatten spanische Schiffe von diesem Ausmaß meistens Gold an Bord. Da donnerte es fürchterlich und es begann zu regnen. Blitze zuckten in den dunklen Wolken auf. Der Wind heulte und bauschte riesige Wellen auf. Felipe wurde nervös. Bei einem starken Sturm wie diesen würden sie die Galeone niemals entern können. Er konnte nur hoffen, dass sie sie erreichten, bevor der Sturm richtig losging.
Das Meer wurde immer wilder, und wo einst noch blau-türkisfarbene Wellen sanft dahinrollten, rauschte jetzt graue, stürmische See, die jeden unachtsamen Seemann in ihr nasses Grab ziehen würde, sollte er über Bord gehen.

 

 „Hey, Kapitän, die See ist zu stark! Sie holt die Galeone zu sich, und wenn wir nicht beidrehen, auch uns!“, rief ihm sein erster Maat zu. Felipe fluchte. Er konnte jetzt die Galeone verfolgen, sie entern und seine Männer zufrieden stellen, dabei aber das Risiko eingehen, vom Meer in die Tiefe gerissen zu werden. Oder er enttäuschte seine Männer, suchte einen sicheren Hafen auf und rettete damit ihr aller Leben. Da vernahm er wütendes Rufen seiner Männer und blickte zur Galeone. Der Großmast war gebrochen und das Schiff wurde von einer großen Welle getroffen. Es krachte und die Galeone brach auseinander. Da erzitterte die „Santa Maria“ durch den Schlag einer Welle. Felipe blickte benommen um sich. Um sie herum waren nur Wellen, tosende, graue Wellen. Heulender, pfeifender Wind und über ihnen graue Wolken, Blitz und Donner. Seine Männer und er waren nass bis auf die Knochen. Seine Kleidung klebte an Felipes Körper. Er blickte in die erschöpften Gesichter seiner Männer. Da senkte sich der Bug der „Santa Maria“.

Das Schiff schoss in ein tiefes Wellental hinab – und auf eine riesige Welle zu. Die „Santa Maria“ wurde frontal getroffen und erbebte unter dem Einschlag. Drei Männer wurden ins Meer gerissen, doch niemand außer Felipe hatte es bemerkt. Er stand starr und unbeweglich auf dem Achterdeck.

Dann schloss er die Augen und hörte wie im Bug der „Santa Maria“ das Meerwasser in den Schiffsbauch strömte, hineingeschossen durch das Loch, welches die Riesenwelle geschlagen hatte. Er atmete tief ein.

Und wieder aus. Er wusste es.

Sie waren verloren.